Poirier hat mit weniger Druck mehr Erfolg

Wenige Protagonisten der Kampfsportwelt legen eine solche Intensität an den Tag wie Dustin Poirier. Und das ist einer der Hauptgründe, warum der Hauptkampf von UFC Glendale am Samstag, in dem Poirier auf Justin Gaethje trifft, einer der am heißesten erwarteten Kämpfe des Jahres ist. Unterhält man sich mit dem mittlerweile 29-Jährigen über den Status seiner Karriere, dann gibt der „Diamant“ zu, dass er nicht mehr der Kämpfer ist, der er einmal war.

Und dabei geht es nicht um körperliche Attribute. Geändert haben sich vor allem seine Sicht auf den Sport und auf das Leben an sich.

„Ich dachte lange, dass es immer um alles oder nichts geht. Dass jeder Kampf um Leben oder Tod geführt wird, dass es bei jeder Entscheidung während des Trainingslagers um Leben oder Tod geht und sie direkt den Ausgang des Kampfes beeinflussen würde“, erklärt Poirier. „Aber als ich älter geworden bin, habe ich realisiert, dass nur wichtig ist, was zwischen den Runden-Signalen passiert, dass ich in meiner mentalen Zone bin und bereit, am Kampfabend meine Leistung zu bringen. Natürlich reiße ich mir im Training den Arsch auf und sorge dafür, dass ich vorbereitet bin. Aber ich habe davon abgelassen, das ganze Trainingslager über darüber zu brüten, wie gut der Gegner ist oder wie sein Kampfstil und meiner zusammenpassen. Ich habe jetzt einfach Spaß. Ich habe noch immer sehr hohe Ansprüche an mich selbst, aber ich glaube, dass ich erwachsener bin, geduldiger an Dinge herangehe und dass die Geburt meiner Tochter mir gezeigt hat, dass das Kämpfen nur ein Teil des Lebens ist.“

Ein guter Ansatzpunkt, um den Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Dustin Poirier zu verdeutlichen, ist der Rückblick auf einen Abend in Las Vegas im Sommer 2012, kurz nach seinem Kracher-Kampf gegen Chan Sung Jung. Poirier verlor dieses Duell, aber der Kampf war so spektakulär, dass es fast zu leicht ist, das Ergebnis zu vergessen. Ich bin ihm damals in einem Kasino-Flur über den Weg gelaufen und habe ihm zu einem großartigen Kampf gratuliert. Er bedankte sich, aber wenn Blicke töten könnten, wäre ich kurz darauf begraben in der Wüste Nevadas gefunden worden. Poirier erklärte, wie enttäuscht er vom Ergebnis war und wie viel Arbeit in den nächsten Monaten vor ihm liegen würde.

Als ich ihn an diesen Moment erinnere, lacht er, aber er weiß selbst, wie präzise meine Nacherzählung der Situation war. Heute macht er sich nicht mehr selbst fertig, wenn Dinge nicht exakt so verlaufen, wie er sie sich vorgestellt hat, und diese Einstellung zeigt sich auch in seinen Leistungen. Seit er 2015 zurück ins Leichtgewicht gewechselt ist, hat er sechs Kämpfe gewonnen, nur einen verloren, ein weiterer Kampf endete als „No Contest“. Vier Siege holte er durch Knockout. Damit sind die Erwartungen für seinen Kampf gegen Gaethje abgesteckt: eine weitere erinnerungswürdige Leistung abzuliefern, und zwar in einem Kampf, der ihm voraussichtlich Dinge abverlangen wird, zu denen die meisten nicht bereit wären. Poirier dagegen genießt genau diese Dinge.

“Ich ehre das”, so Poirier. „Ich ehre, was ich hier tue. Ich bin mir der Risiken bewusst, die ich eingehe, ich weiß, welchen Schaden mein Körper davontragen könnte, aber ich liebe es und es verkörpert, wer ich bin. Ich freue mich auf die harten Momente, sie sind der Grund, warum ich solchen Respekt vor diesem Sport habe. Das hier ist kein Spiel und auch kein regulärer Job, es ist ein Lebensstil. Und zwar ein Lebensstil, der mir, meiner Frau und unserer Tochter alles ermöglicht hat, was wir haben. Gleichzeitig realisiere ich jetzt, während ich auf dem höchsten Level sportlich erwachsen werde und ständig gegen die besten Kämpfer der Welt antrete, dass es eine Hassliebe ist. Ich liebe das, was ich tue, noch immer zu einhundert Prozent. Aber gleichzeitig ist es mir nicht mehr ganz so wichtig wie früher, und ich habe mehr Erfolg damit, nicht alles kontrollieren zu wollen. Ich bin noch immer dabei, meine Balance zu finden.“

Die richtige Balance zu finden heißt allerdings nicht, den Fuß vom Gas zu nehmen. Tatsächlich arbeitet Poirier härter denn je vor dem Kampf gegen Gaethje.

„Das ist die Art von Kämpfen, die ich haben will”, sagt Poirier. „Ansetzungen wie diese, bei denen ich weiß, dass eine spektakuläre Show dabei herauskommen wird. Egal, wie es läuft, dieser Kampf wird ein Kracher. Ich arbeite immer hart, aber Kämpfe wie dieser motivieren mich noch zusätzlich, aus dem Bett zu kommen, eine Extra-Meile zu laufen, länger im Gym zu bleiben, mehr zu trainieren und neue Dinge zu lernen, um meinen Kampfstil zu erweitern. Es macht immer noch jede Menge Spaß.”

Maximal 25 Minuten lang mit Justin Gaethje ins Octagon gestellt zu werden, der die ganze Zeit über Vollgas geben wird, ist nicht das, was die meisten Menschen unter Spaß verstehen würden. Zu seinem Glück aber umgibt sich Poirier mit Menschen, die seine Vorstellung von Spaß nicht allzu häufig hinterfragen. Sie können sie nachvollziehen.

“Die Menschen in meinem Umfeld wissen schon, dass ich dunkle Seiten habe”, lacht er. „Wir verstehen uns.”

Sie verstehen auch, dass Poirier solange kämpfen wird, wie er die Liebe für den Sport im Herzen und das Feuer in den Fäusten trägt; er macht es nicht für das Geld, nicht für das Lob der Fans oder der Medien, sondern für die Weltmeisterschaft.

„Ich werde Weltmeister sein, bevor das Jahr zu Ende ist“, sagt Poirier. „Mir geht es nicht darum, all diese großartigen Kämpfe zu haben und Leute um mich zu haben, die mir sagen, dass sie sich an all diese Blutbäder und Schlachten erinnern. Das ist cool, aber es ist nicht mein Ziel. Mein Ziel ist es, Weltmeister zu werden, und das ist ein Nebenprodukt davon, immer alles zu geben. Wenn ich ins Octagon steige, denke ich nicht an die Zuschauer oder die Bonus-Schecks. Ich denke an das, was nötig ist, um die Entfernung zwischen mir und meinem ultimativen Ziel zu verringern: Weltmeister zu sein.“

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