Hein will das Schiff auf Kurs bringen

Wer nicht MMA-Fan ist und in Deutschland lebt, der wird kaum auf dem Schirm haben, dass an diesem Wochenende Nick Hein ins Octagon steigen soll. Die Chancen, dass sich dieser Kenntnisstand sehr bald erweitert, stehen aber ebenfalls sehr gut. Denn das Kölner Leichtgewicht – jetzt mit Wahlheimat Los Angeles –, ein echter „Renaissance Man“, dessen polarisierender Charakter die deutsche UFC-Fanbasis bereits sauber in zwei Hälften geteilt hat, ist zurück auf der großen Bühne. Die eine Hälfte der Fans ist die, die dem „Sergeant“ applaudiert, was immer auch passiert. Und die andere ist die, um Heins Worte zu paraphrasieren, die sich bereits auf bestimmte Praktiken der körperlichen Selbst-Stimulierung freut beim Gedanken an eine Niederlage gegen den bosnischen K.o.-Schläger Damir Hadzovic an diesem Sonntag in der Hamburger Barclaycard Arena.

Zumindest, falls sie schon Gelegenheit hatte, nachzuladen. Denn Heins letzter Kampf ist noch gar nicht lange her. Bei UFC 224 im Mai traf der bullige gelernte Judoka in Rio de Janeiro auf Davi Ramos und klopfte nach vier Minuten im Rear Naked Choke ab. Nicht besser machte die Situation, dass dies Heins erster Kampf seit dem ersten Besuch der UFC in Hamburg war – das war im September 2016. Nun auch ein Teil des zweiten Besuches der Liga in der Hansestadt, steht Hein unter immensem Erfolgsdruck. Oder?

„Das ist für mich ein Kampf wie jeder andere“, sagt der 34-Jährige. „In der UFC ist es ohnehin so: zwei, drei gute Kämpfe und du bist der Star. Zwei, drei schlechte Kämpfe und du bist weg. So war das immer, weißt du, und ich habe ein besonderes Verhältnis zur gesamten Szene. Ich will wieder anknüpfen an Berlin, das war so geil, das war so euphorisch alles.“

Diese Nacht im Mai 2014 stellte die Kulisse für Heins UFC-Debüt, einen Kampf, in dem für ihn alles zusammenspielte, bis er Drew Dober (der später Heins Schwester heiraten sollte, nachdem er sie auf dessen After-Party kennengelernt hatte) nach drei spannenden Runden über die Punkte bezwungen hatte.

Seitdem laufen die Dinge nicht mehr ganz so geschmeidig für den früheren Bundespolizisten. Wenige Monate nach UFC Berlin verlor Hein eine knappe Punktentscheidung an James Vick – der jetzt zu den Top-Leuten im Leichtgewicht gehört –, obwohl er ihn in der ersten Runde mehrfach niedergeschlagen hatte. Es folgten Punktsiege gegen Lukasz Sajewski, Yusuke Kasuya und Tae Hyun Bang, aber in diesen Siegen wollte sich nicht so recht das Feuer entfachen, das seine ersten beiden UFC-Auftritte zu Blockbuster-Unterhaltung gemacht hatte. Weitere zwei Kämpfe fielen verletzungsbedingt kurz vor dem großen Abend ins Wasser, womit Hein in der UFC nun bei sechs Kämpfen und acht Trainingslagern steht.

Das ist noch immer eine beachtliche Arbeitsleistung, obwohl Hein in der Heimat Kritik einstecken musste, wonach er nicht oft genug kämpfe, seine Kämpfe zu selten vorzeitig beende oder diverse andere Dinge nicht erfülle, die manche sogenannte Fans von ihm erwarten. Aber das, was innerhalb des Octagons passiert, ist nicht der einzige Grund, warum es Menschen gibt, die Hein leidenschaftlich hassen.

„Ich habe eine Meinung zu den Dingen“, erklärt Hein. „Ich habe eine klare Meinung und meistens traue ich mich auch, die Sachen zu sagen und so raushängen zu lassen, wie ich es auch privat mache. Du kennst das, privat hat man eine klare Meinung und in der Öffentlichkeit versucht man, ein bisschen solidarisch zu sein. Ich habe das irgendwann abgelegt.”

Und deswegen setzte sich Hein nach dem Silvesterabend 2016, als in Köln und anderen Städten große Gruppen junger Männer, die größtenteils aus Nordafrika stammten, hunderte Frauen teils schwerst belästigten, vor seinen Computer und veröffentlichte seine Meinung zu den Vorfällen auf Facebook. Man kann wohl sagen, dass er die Ereignisse nicht schöngeredet hat. „Der Post ist dann viral gegangen, den haben 17 oder 18 Millionen Menschen gesehen”, lacht Hein. Danach saß er in einer Fernsehshow nach der nächsten, dazu kamen Radio-Interviews und Zeitungsartikel.

“Vier Verlage haben angefragt, ob ich ein Buch über dieses Thema schreiben wollte. Ich habe mich dann einfach für das beste Angebot entschieden”, lacht er. Und so tauschte der „Sergeant“ seine Faustschützer gegen Stift und Papier und schrieb nieder, was er in seiner Zeit als Bundespolizist – die er zum Teil am Kölner Hauptbahnhof verbrachte – alles erlebt hatte. „Polizei am Limit“ schrieb er im Trainingslager für UFC Hamburg. “Ich habe mir den Arsch aufgerissen mit dieser Doppelbelastung”, so Hein.  

Trotzdem wurde es recht ruhig um ihn, nachdem sein Buch erschienen war – und es auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft hatte – und er zwanzig Monate lang verletzungsbedingt nicht im Käfig stand. Sogar sein Kampf gegen Ramos kam und ging ohne größeres Trara. Gleich nach der Niederlage aber, als er in der Umkleide über einen Haufen Süßigkeiten herfiel, wusste Hein, das er sehr bald zurück im Octagon sein würde.

„Ich saß dann da so im Schneidersitz, habe das gegessen, und dann sagte mein Trainer: Ganz im Ernst, du solltest am besten direkt nochmal kämpfen. Und ich habe das genauso empfunden.”

Als er für einen kurzen Erholungsurlaub in New York City gelandet war, meldeten sich die UFC-Matchmaker bei ihm. Hadzovic sollte es sein – nicht gerade ein Aufbaukampf. Und seitdem sein Auftritt beim sechsten Besuch der UFC in Deutschland bekanntgemacht wurde, scheint Nick Hein zurück zu sein im Bewusstsein der deutschen MMA-Szene – Kritiker und Unterstützer gleichermaßen fahren verbal mittlerweile die großen Geschütze auf. Unabhängig vom Ergebnis wird sein Duell mit Hadzovic wohl nur weiter Öl ins Feuer gießen.


„Er ist ein Allrounder“, analysiert Hein seinen Gegner, dessen 1-2-Bilanz in der UFC nicht die ganze Geschichte erzählt. „Er hat in der UFC gegen starke Leute gekämpft und Marcin Held mit einem brutalen Knie ausgeknockt. Viele meiner Hater hoffen natürlich auf so einen Knockout. Alle sagen, er hat schwere Hände. Aber wie alle anderen in der UFC auch, ist er eben ein sehr, sehr starker Mann. Wer in der UFC ist, ist stark, das sage ich jedes Mal.“

„Ich weiß, was ich alles gemacht habe, was ich durchgemacht habe seit (der ersten UFC in) Hamburg und wie mein Training im Vergleich zu damals aussieht. Ich bin sehr zuversichtlich.“ Und vielleicht sind das alle Zutaten, die Nick Hein braucht, um Berlin 2014 vier Jahre später in Hamburg neu aufleben zu lassen. Sollte ihm das gelingen, dann wäre er zurück auf Kurs, selbst ohne vorzeitigen Sieg.

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